Der Pestfriedhof von Niederviehbach
Nordwestlich des Klosters, ca. 200 m von der Klostermauer entfernt und in der Mitte der Isarhangleite gelegen, befindet sich ein Bereich mit einem schlichten Holzkreuz und einer Bank, mit mehreren größeren und kleineren Hügeln bzw. Wällen umrundet, genannt der Pestfriedhof.
Die Pest stellte in früheren Jahren eine schreckliche Geisel der Menschheit dar und verbreitete sich mehrmals im letzten Jahrhunderten über die ganze Welt. Massenhaftes Sterben der Bevölkerung, genannt der schwarze Tod, aufgrund der schwarzen Pestbeulen am Körper der kranken Menschen, war die Folge.
In den Jahren 1348-54 wird in Niederviehbach und Umgebung zum ersten Mal die Pest in den Klosteraufzeichnungen erwähnt. Die Folge zeigte sich in der verzögerten Fertigstellung und Einweihung in 2 Etappen der Vorgängerkirche (1355 und 1388).
Aus mündlichen Überlieferungen und Notizen in der Klosterchronik, wurde der Pestfriedhof wegen der vielen Pesttoten und wegen der Hygiene in den Pestjahren 1634-1635, 1643 und 1713 in einem Waldstück der hiesigen Klosterhangleite angelegt.

Pestkreuz Jahreszahlen
Aufgrund der herrschenden Pest in unserem Lande zogen viele gutsituierte Bürger und Adelige der Umgebung ins Kloster Niederviehbach, um hier „göttlichen Schutz“ vor der tödlichen Seuche zu finden. Ein weiterer Grund dürfte das hier bestehende Kloster-Spital (Standort der heutigen Realschule) mit Apotheke gewesen sein.
Mit diesem Zuzug von Menschen dürfte die Pest somit in das Kloster und den Ort Niederviehbach gekommen sein, wobei viele Menschen daran gestorben sind, wie dies die Sterbe-Matrikel aufzeigen.
Bei einem Begräbnis der Pesttoden im Kirchen-Friedhof hatten die Menschen Angst, dass bei späteren Begräbnissen die Seuche wieder vom „Grabe auferstehen könnte“. Man wählte deshalb einen Begräbnisort am Rande des Klostergartens, rund 200 m neben der ehemaligen Einsiedler-Klause und heutige Klosterkapelle.
Ein Matrikel-Eintrag aus dem 17. Jh. weist auf eine bestehende Kirche (Pestkirche genannt) hin, die später als Klause genutzt wurde. Hierbei könnte es sich um die ehemalige Burgkapelle der „Gauburg der Marquarde des Viehbachgaus“ gehandelt haben, deren Standort man an der heutigen Klosterkapelle vermutet.
Dieser Eintrag handelt von einer106 jährigen Convent-Schwester Ursula Khirmayr, die im Jahre 1615 nach ihrem Tode vor dem Hochaltar dieser Pestkirche begraben wurde. In einer weiteren Erwähnung in den Klosteraufzeichnungen ist diese Sichenkirche der Hl. Ursula geweiht.
Matrikel-Eintrag v. 26.08.1615
Hier liegt begraben vor dem hohen Altar der „Sichenkürchen“ die
Conventschwester Ursula Khirmeier, verstorben am 26.08.1615
mit 106 Jahren. Sie war die Älteste im Convent
In einer Zeichnung aus dem Jahre 1796 ist hier ein Steingebäude mit einem abgesetzten Turm abgebildet. Der Pestfriedhof ist auf der Zeichnung als kleiner Friedhof mit einem aus ca.50 cm hohem Schmiedeeisen-Gitter bestehenden Zaun abgebildet, welcher noch in den 1950-er Jahren vorhanden war.
Der Standort des Pestfriedhofes ist gekennzeichnet durch ein schlichtes Holz-Kreuz mit einer gusseisernen Christusfigur am Kreuz und einer Muttergottes, welche um 1970 vom Klosterbauhof, anstelle eines größeren aufwändiger gearbeiteten Holzkreuzes, errichtet wurde.

Pestkreuz von 1970
Die noch zu sehenden Wälle sind vermutlich Reste von Schanzen aus dem 18. Jh. und aus der Zeit des 2. Weltkrieges.
An Allerheiligen, nach der Nachmittags-Andacht, ging die Pfarrgemeinde jedes Jahr traditionsgemäß bzw. einem Gelöbnis zu Folge (lt. mündlicher Überlieferung), betend zum Pestfriedhof und gedachten dort der beerdigten Pestopfer.
Nach einigen Jahren des „Vergessens dieses Brauches“ wurde dieser Gedenkgang durch Hr. Pfr. Kelbl wieder ins Leben gerufen.
In den letzten Jahren wurde dieser althergekommene Brauch nicht mehr ausgeübt. Ein neuer Anstoß zur „Wiederbelebung“ dieser Tradition wurde vom Verfasser in die Pfarrgemeinde eingebracht.
Um diesen denkwürdigen Ort dauerhaft kenntlich zu machen, wurde im Oktober 2016 ein neues geschmiedetes Kreuz auf einen Steinsockel von 3 Heimatfreunden Hans Girnghuber, Robert Daffner und Georg Pollner zur Erinnerung, direkt am vorbeiführenden Wanderweg, aufgestellt und eine Sichtverbindung zum alten Pest-Kreuz von 1970 wieder hergestellt.

Pestkreuz von 2016
Text und Bilder: H. Girnghuber